Wohnen und Arbeiten im Anscharpark, Kiel

Nominierung / Urbanes Flächenrecycling

Beschreibung

Auf dem Gelände des heutigen Anscharparks wurde 1908 ein damals hochmodernes Marinelazarett mit großzügigen Grünflächen fertiggestellt, das seit 1995 unter Denkmalschutz steht und bis 2005 als ziviles Krankenhaus diente. Ab diesem Zeitpunkt war eine Nutzung aufgrund funktionaler und konstruktiver Mängel nicht mehr möglich und das Gelände verfiel. Nachdem über die folgenden zehn Jahre nur wenige Gebäude reaktiviert werden konnten, erwarben vier Kieler Genossenschaften und eine neugegründete Trägergesellschaft das restliche Gelände und entwickelten es zu einem gemischten und inklusiven Wohn- und Kreativwirtschaftsquartier. Heute wohnen auf dem Gelände ca. 500 Menschen in 210 Wohnungen, in den Altbauten hat sich der „Anschar-Campus“ mit Ateliers, Werkstätten und Büroflächen entwickelt.

Ziel

Wichtigstes Ziel war, das historische Krankenhausgelände mit seinen denkmalgeschützten Bauten zu erhalten und eine passende Nachnutzung zu finden. Die Revitalisierung des großteils jahrelang ungenutzten Geländes sollte als Initialzündung für die weitere Entwicklung im Stadtteil Kiel-Wik Vorbildcharakter bekommen. Damit einhergehend sollte das durch einen zu erhaltenden denkmalgeschützten Zaun abgeschottete Gelände besser mit der Stadt verknüpft werden. Die Initiatoren BSP Architekten aus Kiel und Conplan aus Lübeck vereinbarten mit den städtischen Behörden die gemischte Nutzung „Wohnen und Arbeiten im Anscharpark“, mit Miet- und Eigentumswohnungen, Ateliers und Büros sowie einem öffentlichen Park als Mittelpunkt.

Herausforderungen

Das Quartier Anscharpark war über 100 Jahre der Stadt entzogen und nach Aufgabe der Klinik eine Leerstelle im Stadtgebiet. Es besitzt aber eine bedeutende Funktion als Schnittstelle zum benachbarten Marinequartier, da die Erschließung des Letzteren unmittelbar mit dem Gelände verknüpft ist. Daher sollte trotz des teils katastrophalen Zustands der historischen Gebäude unbedingt vermieden werden, sie zu Höchstpreisen zu sanieren und zu einer "Gated Community" Besserverdienender werden zu lassen. Durch den Erwerb eines Großteils des Geländes durch Genossenschaften und einen Anteil von über 30% geförderter Wohnungen wurde eine Gentrifizierung verhindert. Der AnscharCampus, der Kreativwirtschaft und Gründerszene zusammenbringt, tut sein Übriges zugunsten einer guten Durchmischung.

Kooperationen

Das Projekt gelang durch enge Kooperation mehrerer Partner. Die Grundkonzeption und die ersten Umsetzungsschritte wurde von BSP Architekten und Conplan mit drei Baugemeinschaften in Abstimmung mit der Denkmalpflege entwickelt. Die Realisierung der 155 genossenschaftlichen Wohnungen im zweiten Schritt wäre für keine Kieler Genossenschaft allein darstellbar gewesen, daher schlossen sie sich zusammen. Da die historischen Gebäude für Mietwohnungsbau nicht geeignet waren, veräußerten die Genossenschaften sie bereits im Zuge des Erwerbs an die Trägergesellschaft des AnscharCampus weiter. In einem der genossenschaftlichen Neubauten (BSP mit Schnittger Architekten) wohnt eine Gruppe behinderter Menschen, deren betreuende Stiftung eine inklusive Gastronomie für den AnscharCampus aufzubauen plant.

Mehrwert

Der Mehrwert des Projektes liegt sowohl in seiner Funktion als Kreativzentrum für die gesamte Stadt als auch in seiner sozialen Bedeutung für den Stadtteil. Zum einen ist das Projekt von vorneherein inklusiv angelegt worden, zum anderen strahlt auch die hier ansässige Kreativszene aktiv in die nähere Umgebung aus. Am Rand des Quartiers hat sich bereits ein gastronomisches Angebot entwickelt, das noch ausgebaut wird. Im Atelierhaus finden regelmäßig Ausstellungen statt, ein privat getragener Kindergarten auf dem Gelände ergänzt den Wohnungsbestand und die ehemalige Leichenhalle wird Gemeinschaftshaus. In einem weiteren Altbau werden derzeit Coworking-Arbeitsplätze eingerichtet, die aus der Kieler Kreativszene wie auch von Stadtteilbewohnern nachgefragt werden.

Besonderheit

Ein auf engem Raum derart gemischtes Quartier ist ein Sonderfall für Kiel. Hier bilden denkmalgeschützte und behutsam modernisierte Altbausubstanz und individuelle, aber sich einem gemeinsamen Gestaltungskanon unterordnende zeitgenössische Architektur ein neues Ganzes, das bereits eine Auszeichnung beim BDA-Preis erhalten hat. Die Gebäude und Freiflächen besitzen durchgehend eine hohe Material- und Aufenthaltsqualität, die großzügige und weitgehend offene Grünanlage bildet auch für Externe eine gern genutzte Oase im Stadtgeschehen. Aus der ehemaligen städtebaulichen Leerstelle Kiels ist mit Kunst im öffentlichen Raum, regelmäßigen Open-Air-Veranstaltungen und von den Bewohnern organisierten Straßenfesten ein sozial wie räumlich hervorragend funktionierendes Quartier geworden.