Bahnhofsmission Hauptbahnhof Hamburg

Bewerbung / Soziale Quartiersentwicklung

Beschreibung

Die Bahnhofsmission ist eine gefühlte Ewigkeit im Hauptgebäude des Hamburger Bahnhofs verortet gewesen. Nun wurde sie von dort verdrängt, um rentableren Nutzungen Platz zu machen. In einem autarken Baukörper zwischen Bahnhof und Kunsthalle mußte das soziale Angebot neu gedacht werden: Ein großer Empfangstresen neben dem multifunktionellen Aufenthalts- und Veranstaltungsraum, eine Raum der Stille, Verwaltungs- und Betreuungsräume, Lager und ein deutschlandweit einmaliges Hygienezentrum wurden auf 400 m2 Fläche realisiert. Nach diversen Komplettentwürfen wurde schließlich das Büro CARSTEN ROTH ARCHITEKT gebeten, die äußere Erscheinung gänzlich neu zu entwickeln, was trotz aller bis dato auf den Quadratmeter genau festgelegten Bedürfnissen nur mit einem komplett neuen Grundriss möglich war.

Ziel

Die Sozialarbeit der Bahnhofsmission, teilweise spendenfinanziert von Hamburgern, hat uns sehr beineindruckt – hier werden z. B. Menschen mit Pflegestufe drei notversorgt, die als Obdachlose im Rollstuhl leben! Unser Gebäude soll diese Arbeit würdigen, sichtbar machen und den Hilfsbedürftigsten der Gesellschaft eine respektvolle Anlaufstelle bieten: Über die gesamte Länge von 40 m begleitet eine Glasfassade einen langen Flur, der alle Bereiche erschließt: Empfang, Warteraum für Kinder, Teeküche, Verwaltung u.a.m. Ein ebenso langer um 45° geneigter Spiegel begleitet den Obergaden und verblüfft Außenstehende mit einem Einblick senkrecht von oben auf die ständige Aktivität der Mitarbeiter–hier wird „24-7“ geholfen, alles ist in Bewegung. Verschiebbare Screens erlauben zusätzlich Einblicke.

Herausforderungen

Vielleicht ist es das erste Mal überhaupt, daß eine Bahnhofsmission derart sichtbar in einer Stadt auftritt. Der Entwurf zielt auf das Wahrnehmen der sozialen Not, macht die Notwendigkeit der Hilfe bewußt und zeigt den Spendern, daß ihre Großzügigkeit genauso erfolgreich ist wie es notwendig bleiben wird, weitere Spenden einzuwerben. Das Haus ist das selbstbewußte Ergebnis eines sozialen Engagements der Hamburger Gesellschaft.

Kooperationen

Die oberste Baubehörde, der Bezirk, die Bundesbahn, die Fachplaner, der Wegewart und nicht zuletzt die geduldigen zukünftigen Nutzer – alle haben mit großem Idealismus dieses Gebäude auf einem städtebaulich und historisch aber auch verkehrstechnisch anspruchsvollen Ort ins Ziel geführt. Das respektvolle Umgehen miteinander vor und nach der Eröffnung des Gebäudes ist offensichtlich hier programmatisch.

Mehrwert

Die Flexibilität des Grundrisses mit seinem Multifunktionsraum und der Kombinationsmöglichkeit mit dem Raum der Stille bietet ganz neue bisher nicht vorgesehene Möglichkeiten. Mittlerweile gibt es schon Anfragen nach weiteren Zusatzangeboten: Veranstaltungen mit Musik, Vorträgen, Lesungen und v. a. m. werden zu Zeit ins Auge gefaßt. Eine Lesung zum Thema Obdachlosigkeit mit der Autorin und einem Obdachlosen vor Schulklassen war ein erster sehr bewegender Anfang, der diese neuen Überlegungen befördert hat.

Besonderheit

Der Not und Hilfsbedürftigkeit Einzelner soll hier nicht schweigsam, nicht unsichtbar oder verschämt begegnet werden, sondern sichtbar und zupackend. Alle können und sollen sehen, was hier passiert: HILFE RÄUMLICH UND SYMBOLISCH UMGESETZT, SCHLICHT UND DENNOCH CHARMANT IN SZENE GESETZT.